Genesung und Entspannung

Schon vor über 30 Jahren bewies der Gesundheitswissenschaftler Roger Ulrich in einer Studie, dass der Blick vom Krankenzimmer auf eine Baumgruppe die Heilung und Regeneration fördert. Bei seiner Studie verglich er diese Patienten mit einer Kontrollgruppe, die die gleiche Operation, die gleiche Behandlung und die gleiche Unterbringung erhielt - einzige Ausnahme: die Kontrollgruppe schaute von ihrem Fenster auf eine Backsteinwand. Die Patienten, die von ihrem Zimmer aus auf die Bäume gucken konnten, konnten schneller entlassen werden, hatten weniger Komplikationen und brauchten nur schwächere Schmerzmittel.

Seit dieser Studie von Ulrich sind etliche Untersuchungen, Tests & Co durchgeführt worden, um herauszufinden, welche Wirkung Natur genau auf uns hat. Vereinfacht kann man sagen: Natur entspannt uns! Und das ist am sinkenden Blutdruck, einem geringeren Puls und der verringerten Muskulaturanspannung gut nachweisbar. Der Forscher Yoshifumi Miyazaki hat z. B. herausgefunden, dass ein Waldspaziergang im Vergleich zu einem Stadtspaziergang zu einem ca. 12 % niedrigeren Stresshormonpegel (Cortisol) führt.1 Und das ist wohl auch der Grund, weshalb es mich in den beschriebenen Situationen in die Natur oder genauer gesagt in den Wald zieht.

 

Stärkung des Immunsystems

Aber der Wald kann noch deutlich mehr, als "nur" zu entspannen. In seinem Artikel2 beschreibt Clemens G. Arvay dass wir durch einen Aufenthalt im Wald unser Immunsystem stärken. Es sind sogenannte "Terpene" (chemische Substanzen, über die Pflanzen miteinander kommunizieren), die dazu führen, dass unser Immunsystem vermehrte Killerzellen produziert und damit unsere körpereigene Abwehrkräfte aufbaut. Es hört sich jetzt vielleicht etwas seltsam an, dass unser Körper auf pflanzliche Kommunikationsstoffe reagiert, aber es ist tatsächlich wissenschaftlich bewiesen. Zu diesem Zweck hat man bestimmte Terpene, die im Wald vorkommen, isoliert und mit ihnen die Luft in Hotelzimmern angereichert, in denen Versuchspersonen übernachtet haben. Vor und nach dieser Übernachtung wurden Blutproben sowohl von diesen Versuchspersonen als auch von einer Kontrollgruppe genommen. Die Versuchspersonen, die über Nacht die Terpene eingeatmet haben, wiesen anschließend eine deutlich erhöhte Anzahl an körpereigenen Killerzellen auf, bei der Vergleichsgruppe wurde keine Veränderung festgestellt.

Fragen Sie sich gerade, wie man sich diese Terpene vorstellen kann? Es sind quasi die Duftstoffe und ätherischen Öle in Blättern, Nadeln, Rinden, Moosen, Zapfen, etc., die wir bei einem Waldspaziergang ganz automatisch über unsere Atmung und unsere Haut aufnehmen. Also wenn Sie demnächst bei einem Waldspaziergang das Bedürfnis verspüren, Kiefernzapfen oder Ähnliches einzusammeln und mitzunehmen - nur zu: die Terpene kommen als kostenloser Gesundheitscocktail mit. ;-)

In Japan hat sich mittlerweile schon ein Trend unter der Bezeichnung "Waldbaden" entwickelt, da die Stärkung der Abwehrkräfte auch langfristig möglich ist. Professor Qing Li von der Nippon Medical School schwört z. B. darauf, monatlich zwei- bis dreimal mindestens zwei Stunden schlendernd im Wald zu verbringen und so sein Immunsystem kontinuierlich zu stärken.2

 

Weitere Forschungsergebnisse

Der o.g. Artikel hat mich neugierig gemacht, wie Natur noch auf uns wirkt. Fündig wurde ich im Internet, wo Rainer Brämer (Physiker und Dozent der Universität Marburg) unter dem Titel "Grün tut uns gut" eine Vielzahl von Studien zur Natur-Beziehung zusammengetragen hat.4 Die folgenden Studienerkenntnisse finde ich am interessantesten:

  • Schon das Betrachten von Naturbildern (Landschaftsaufnahmen, Fotos oder Videos mit Wäldern, Flüssen, Seen, etc.) erzeugt bei uns positive Empfindungen wie z. B. Freude, Aktivierung, Wohlfühlen und Entspannung. Die entspannende Wirkung kann schon nach 5 - 10 Minuten am gesunkenen Blutdruck und der Muskelentspannung gemessen werden.
  • Pflanzen in der eigenen Wohnung oder am Arbeitsplatz erhöhen das allgemeine Wohlbefinden und tragen zur Regeneration bei Müdigkeit, Kopfschmerzen, Hautreizungen bei (die alltägliche Beschwerden nehmen um ca. 20 % ab). Büropflanzen senken allgemein den Blutdruck und erhöhen die Arbeitseffektivität, wenn sie bei Personen, die viel am Computer arbeiten, in der unmittelbarer Nähe zum Computer aufgestellt werden.
  • Ein Spaziergang im Wald regt durch die unterschiedlichen Gerüche, Farben, Formen und Geräusche unsere Sinne an. Dies fördert neben der Entspannung auch unsere Konzentration und Kreativität (Lt. einer Studie entstehen 28 % der betrieblich bedeutsamen innovativen Ideen in freier Natur).
  • Durch Naturerfahrungen werden die eigene Kompetenz und Autonomie bewusster, Selbstkontrolle gestärkt und somit das Selbstbewusstsein gefördert.
  • In der Natur knüpfen wir leichter Kontakte und empathische Gefühle werden begünstigt. Nachbarschaftliche Bindungen (soziale Kontakte, Aktivitäten, gegenseitige Hilfen, etc.) profitieren von vorhandenen Grünanlagen und Bäumen.

 

Praktische Bedeutung

Wenn ich mich also demnächst angeschlagen fühle oder mein Immunsystem stärken möchte, gönne ich mir bewusst einen schönen und gesunden Spaziergang im Wald. Der wirkt übrigens in Bezug auf die Terpene besonders gut, wenn es kurz vorher geregnet hat oder sich aufgrund der Tages- oder Jahreszeit eine gewisse Luftfeuchtigkeit gebildet hat. Und falls die Luftfeuchtigkeit das Ausmaß von Dauerregen, etc. angenommen hat, kann ich auf schöne Naturaufnahmen, z. B. in Form von Reiseberichten oder eigenen Aufnahmen zurückgreifen... es geht hier in unserer Region doch nichts über wetterunabhängige Strategien ;-)

 

Quellen:

1 Simone Melenk: Warum uns der Wald so gut tut; WAZ Nr. 180, Leben & Familie vom 05.08.2017

2 Clemens G Arvay: Die Waldmedizin; Psychologie heute (Beltz Verlag), Ausgabe: Dezember 2016

3 http://www.wanderforschung.de/files/gruentutgut1258032289.pdf

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